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Zhang Dai 張岱

   

Träume vom Westsee – Xihu mengxun 西湖夢尋:
Eine literarische Spurensuche

   

Bilinguale Ausgabe

Aus dem Chinesischen üs. und hg. von Volker Klöpsch

 
   

    Deutsche Ostasienstudien 53
    OSTASIEN Verlag
    Softcover (15,0 x 23,0 cm), viii +408 Seiten
    2023. € 39,80

    ISBN-13: 978-3-911262-02-6 (978-3911262026, 9783911262026) ISBN-10: 3-911262-02-7 (3911262027)

Vertrieb: CHINA Buchservice / Bestellen

 
   

Auf eine Suche nach der verlorenen Zeit begibt sich Zhang Dai (1597–1694?) in seinen Träumen vom Westsee und liefert mit seinen Aufzeichnungen nicht weniger als eine Topographie von Hangzhou und dem Westsee, einer der großen Kulturlandschaften Chinas. Hautnah hat der Verfasser die Katastrophe des Zusammenbruchs der Ming-Dynastie miterlebt. Ein fremdes Volk hat nun die Herrschaft im Lande übernommen, und alle bisherigen Gewissheiten stehen auf einmal in Frage. Das unbeschwerte Leben von einst stellt sich in seiner selbstverfassten Grabinschrift wie folgt dar: „Er liebte prächtige Behausungen, liebte schöne Dienerinnen, liebte hübsche Knaben, liebte elegante Kleider, liebte feine Speisen, liebte feurige Pferde, liebte bunte Laternen, liebte Feuerwerke, liebte Theater, liebte Musik, liebte Antiquitäten, liebte Blumen und Vögel. Dazu kamen seine Lust am Tee und seine Leidenschaft für Mandarinen, sein Hang zu Büchern und sein Faible für Gedichte, doch all die Dinge, um die er sich ein halbes Leben lang abgerackert hatte, zerrannen ihm zu trügerischen Traumgebilden.“

In der zweiten Lebenshälfte widmet sich Zhang Dai der Aufgabe, die Geschichte seiner Zeit und der untergegangenen Dynastie aufzuzeichnen, um sie der Nachwelt zu überliefern. Während die Literaturgeschichte seine literarischen Leistungen auf dem Gebiet der Kleinprosa (xiaopin 小品) hervorhebt, sah er sich selbst wohl eher als Historiograph, und es ist genau diese Verbindung von Literatur und Geschichtsschreibung, die den kulturgeschichtlichen Wert und literarischen Reiz seiner Träume vom Westsee ausmacht. Mit dem Bekenntnis, kein Tag vergehe, an dem er nicht in Gedanken am Westsee weile, macht er sich daran, in 72 Abschnitten die wichtigsten Orte und Sehenswürdigkeiten dort zu beschreiben und vor den Augen des Lesers erstehen zu lassen. Dabei schildert er in der Regel die Historie des Ortes im Fortgang der Zeit, würzt seine nüchternen Fakten jedoch immer wieder durch persönliche Beobachtungen und Kommentare, wodurch das Werk an Leuchtkraft und Lebendigkeit gewinnt.

Der Autor führt damit eine literarische Tradition auf einen vorläufigen Höhepunkt, die in der Geschichtsschreibung der Song-Dynastie (960–1279) mit der Abfassung sogenannter Lokalchroniken (fangzhi 方志 oder difangzhi 地方志) ihren Anfang nahm. Zunächst waren sie den Hauptstädten gewidmet, und auch Hangzhou, das mit dem Rückzug des Song-Hofes in den Süden im Jahre 1127 für anderthalb Jahrhunderte zur Metropole des Reiches aufstieg, kam in den Genuss solcher Beschreibungen. Hinzu kamen von privater Hand verfasste Erinnerungsbücher wie Meng Yuanlaos Dongjing menghua lu 東京夢華錄 (1147) oder Zhou Mis Wulin jiushi 武林舊事 (um 1280), die ebenfalls den Glanz einer verlorenen Hauptstadt wie Kaifeng oder Hangzhou wiederauferstehen ließen. Die Vorzüge beider Gattungen verknüpfte Tian Rucheng in einem umfangreichen Werk, dem er der Titel Xihu youlan zhi 西湖遊覽志 („Chronik der Sehenswürdigkeiten am Westsee“)  gab. Dieses Werk hat Zhang Dai offensichtlich als Vorbild gedient. Immer wieder zitiert er daraus und übernimmt ganze Sätze und Abschnitte.

Bei Tian Rucheng zeichnet sich eine Wendung von der Stadt hin zum Westsee ab, wobei deutlich bleibt, dass diese Landschaft eine von Menschenhand geformte, der Natur abgerungene Kulturlandschaft darstellt. Zunehmend streben die Stadtbewohner aus der Enge der Häuser in die Offenheit der Natur, suchen dort Zerstreuung und Erholung. Sein Buch versteht sich, wie Titel und Anordnung verraten, auch als eine Art touristischer Führer. Die Anziehungskraft, welche die Landschaft zunehmend auf Künstler und Literaten auch aus Japan und Korea ausübt, zeugt ebenfalls von der Magie des Ortes, die Hangzhou und den Westsee bis auf den heutigen Tag zu einem der touristischen Hauptattraktionen Chinas macht.

Der Vorzug von Zhang Dais Werk gegenüber seinem Vorgänger Tian Rucheng besteht zunächst einmal in dem Abstand von rund 150 Jahren. Die Träume vom Westsee umfassen die gesamte Ming-Dynastie und bieten damit ein umfassendes historisches Panorama. Zhang Dai erweckt bedeutende Persönlichkeiten wie Qian Liu, Yue Fei oder Yu Qian, die an den Ufern des Westsees gewirkt haben, zum Leben, und es ist beileibe kein Zufall, dass die Abschnitte, die mit solchen Figuren zu tun haben, besonders umfangreich ausfallen. Auch in seinen sonstigen historischen Forschungen bevorzugt der Verfasser eine persönliche Herangehensweise, indem er die Biographien seiner Helden (oder Anti-Helden) nachzeichnet. Die Beschreibung als vorbildlich erachteter Persönlichkeiten ist ein Kernanliegen von Zhang Dais Werk, wobei er sich sogar der Mühe unterzog, authentische Porträts solcher Zeitgenossen zusammenzutragen.

Abgerundet werden Zhang Dais Schilderungen durch eine breite Palette literarischer Texte, die im Laufe der Jahrhunderte an den Ufern des Westsees entstanden und diese Landschaft zum Thema haben. Diese Texte fügt er seinen Abschnitten sozusagen als Zugabe an. Es handelt sich meist um Gedichte und Prosastücke, aber auch andere Gattungen wie Lieder, Inschriften oder auch Briefe sind vertreten. Schon aus Platzgründen konnten nicht alle dieser gut 250 Zusatztexte in den vorliegenden Band übernommen werden, doch dürfte die getroffene Auswahl, die bedeutende Autoren wie Bai Juyi, Su Shi und Yuan Hongdao in den Mittelpunkt stellt, den Leser einen repräsentativen Eindruck vermitteln.

Jedem, der sich für chinesische Literatur und Geschichte interessiert und der nachvollziehen will, wie sich an den Ufern des Westsees eine der großartigsten Kulturlandschaften Chinas (und der Welt) herausbildete, sei die Lektüre von Zhang Dais Träumen vom Westsee ans Herz gelegt.

 
   

Volker Klöpsch (geb. 1948), 1969–1975 Studium der Germanistik, Anglistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Freiburg, Berlin, Edinburgh und Salamanca, danach der Sinologie in Peking, Shanghai (Fudan-Universität) und Heidelberg. Nach Lehrjahren in Bochum Lektorat für deutsche Sprache und Literatur an der Taiwan-Universität (Taipeh). 1990–2013 Lehrtätigkeit an der Universität Köln. Übersetzungen zur Literatur der Republikzeit (Hoffnung auf Frühling, Ffm. 1980; Lao She, Das Teehaus, Hamburg 1980; Lao She, Stadt der Katzen, Ffm. 1985), zur vormodernen Literatur (Sunzi, Die Kunst des Krieges, Ffm. 2009); Ausgewählte Prosa der Tang und Song, 2 Bde., Peking 2016 und klassischen Dichtung (Der seidene Faden. Gedichte der Tang, Ffm. 1991; Chinesische Liebesgedichte, Ffm. 2009; Ausgewählte Gedichte der Tang, Peking 2016; Ausgewählte Lieder der Song, Peking 2019). Herausgeber (mit Eva Müller) des Lexikons der chinesischen Literatur (Mchn. 2004); Begründer und langjähriger Mitherausgeber der Hefte für ostasiatische Literatur.

 
   

Im Ostasien Verlag sind zwei weitere Werke von Volker Klöpsch erschienen, Der Jadestaub der Dichter: Wesen und Welt der chinesischen Poesie (2022), eine Analyse und Teilübersetzung des Shiren yuxie 詩人玉屑 von Wei Qingzhi 魏慶之 aus dem 13. Jh. sowie Gespräche über die Lieddichtung (2023), eine vollständige Übersetzung des Renjian shihua 人間詞話 von Wang Guowei 王國維 (1877–1927).